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# Evaluierung: Jetzt zählt die Wirklichkeit
- URL: https://spielfeld.geodemo.de/evaluierung-jetzt-zaehlt-die-wirklichkeit/
- Published: 2026-08-04T09:00:00.000Z
- Updated: 2026-09-08T11:20:26.000Z
- Description: Der Glücksspielstaatsvertrag 2021 war ein wichtiger Meilenstein. Mit der Evaluierung 2026 folgt nun der Realitätscheck: Wirkt die Regulierung so, wie sie gedacht war?
- Author: Frederic Lahme
- Tags: Ausgabe 1, Evaluierung, Glücksspielstaatsvertrag, GGL, Regulierung, #Import 2026-09-11 10:27

**Der Gesetzgeber hat den Evaluierungsprozess des Glücksspielstaatsvertrags bewusst als Realitätscheck für die Regulierung angelegt: Er verpflichtet die Länder, seine Auswirkungen fünf Jahre nach Inkrafttreten systematisch zu überprüfen.**

Der Glücksspielstaatsvertrag verfolgt eine Vielzahl ehrgeiziger Ziele: Er soll die Entstehung von Glücksspielsucht verhindern, Voraussetzungen für wirksamen Jugend- und Spielerschutz schaffen, den Schwarzmarkt zurückdrängen, Betrug und Manipulation bekämpfen und das Glücksspiel in geordnete, überwachte Bahnen lenken. Die Evaluierung muss nun beantworten, ob diese Ziele in der Praxis erreicht werden – und vor allem: wodurch.

## Regulierung an ihrer Wirkung messen

Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung. Denn die Frage ist nicht, ob der Glücksspielstaatsvertrag gut gemeint ist. Die Frage ist, welche seiner Instrumente wirken, welche ins Leere laufen und welche möglicherweise sogar unbeabsichtigte Nebenwirkungen erzeugen.

Gerade im Glücksspielrecht ist diese Perspektive entscheidend. Denn ein Instrument kann auf dem Papier besonders streng wirken und zugleich in der Realität kontraproduktiv sein. Wenn Spieler aus einem zu stark eingeschränkten legalen Angebot in den Schwarzmarkt ausweichen, steigt nicht der Schutz, sondern das Risiko. Die Evaluierung muss daher zwingend nicht nur die Existenz von Schutzmaßnahmen betrachten, sondern auch ihre realen Marktfolgen: Welche Regeln tragen tatsächlich zum Spielerschutz bei, welche sind kaum oder gar nicht wirksam – und welche schwächen möglicherweise die Kanalisierung in den legalen Markt, ohne einen erkennbaren Zusatznutzen zu erzeugen? Ist das legale, regulierte Angebot attraktiv genug, um die Kundennachfrage hinreichend bedienen zu können?

Die Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags ist keine freie politische Debatte ohne Bezugspunkt. Der Staatsvertrag selbst gibt vor, dass seine Auswirkungen insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung und Ausbreitung unerlaubter Glücksspiele in Schwarzmärkten untersucht werden sollen. Damit ist die Schwarzmarktfrage nicht nur ein begleitender Aspekt, sondern gesetzlich selbst zentraler Teil des Prüfauftrags.

Gerade an diesem Punkt entscheidet sich, ob der Prozess den Charakter eines echten Realitätschecks annimmt – oder ob er zu einer Bestätigung bereits bestehender Positionen gerät.

Was ist zu evaluieren?

Der §32 des Glücksspielstaatsvertrages aus dem Jahr 2021 legt fest, dass die Auswirkungen der Regelungen insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung des Schwarzmarkts zu überprüfen sind. Der Evaluierungsauftrag lautet damit klar: Es ist zu prüfen, ob die Regelungen des GlüStV 2021 es geschafft haben, die Lenkung in den legalen Markt zu erzielen und ob sie dazu beitragen, den Schwarzmarkt zu verringern oder ob dieser weiter anwächst.

Das unterstreichen die Bundesländer auch im Zwischenbericht zur Evaluierung aus dem vergangenen Jahr. Dort heißt es: „… sind die Regelungen des GlüStV 2021 insbesondere im Rahmen des ersten Evaluationsberichts 2026 dahingehend zu untersuchen, ob diese Legalisierung entsprechender Angebote zu einer Eindämmung des Schwarzmarktes geführt hat”.

## Die fünf Leitfragen

Eine ernsthafte Evaluierung muss fünf wesentliche Leitfragen systematisch bearbeiten.

**Erstens:** Wie wirksam sind die Schutzinstrumente? Welche Maßnahmen tragen tatsächlich dazu bei, problematisches Spielverhalten zu begrenzen? Welche Instrumente werden von den Spielern akzeptiert, welche werden umgangen oder führen zu Abwanderung? Wo zeigt sich ein messbarer Effekt, wo nicht?

**Zweitens:** Welche Auswirkungen auf die Kanalisierung sind zu beobachten? Welche Regulierungselemente halten Spieler im legalen Markt, welche drängen sie hinaus? Wie verändert sich das Spielverhalten, wenn legale Angebote als zu restriktiv, zu bürokratisch oder zu unattraktiv wahrgenommen werden?

**Drittens:** Wie haben sich Ausmaß und Struktur des Schwarzmarktes entwickelt? Wie groß ist der illegale Markt tatsächlich? Wer nutzt ihn, warum und in welchem Umfang? Welche Angebotsmerkmale, Produktlücken oder Zugangshürden fördern Ausweichbewegungen?

**Viertens:** Wie steht es um die praktische Vollzugstauglichkeit? Welche Vorgaben sind für Anbieter und Aufsicht tatsächlich handhabbar? Wo entstehen bürokratische Lasten ohne erkennbare Schutzwirkung? Welche Regelungen binden Ressourcen, die an anderer Stelle – etwa bei der Bekämpfung illegaler Angebote – wirksamer eingesetzt wären?

**Fünftens:** Welche Rolle spielen neue Technologien? Welche neuen Möglichkeiten der Verhaltensanalyse, Früherkennung und Risikosteuerung bestehen heute, die 2021 noch nicht in gleicher Weise verfügbar oder erprobt waren? Und wie kann Regulierung diese Instrumente sinnvoll einbeziehen und eine individuelle risikobasierte Regulierung etablieren, statt weiter vor allem auf starre Pauschalmaßnahmen zu setzen?

## Diese Studien fließen in die Evaluierung

Die GGL hat mehrere Studien in Auftrag gegeben, um die gesetzlich vorgesehene Evaluierung empirisch zu unterlegen. Diese Studien sind wichtig, weil sie den offiziellen Evaluierungsprozess mit Daten und Erkenntnissen unterfüttern sollen.

Zugleich ist klar: Keine einzelne Studie und auch kein einzelner Auftragnehmer kann die Komplexität dieses Marktes vollständig abbilden. Umso wichtiger ist es, dass die Evaluierung nicht von einzelnen Untersuchungen abhängig gemacht wird, sondern verschiedene Perspektiven zusammenführt.

Hier gewinnt auch die EMAS-Studie (Evaluation der Maßnahmen des GlüStV 2021 zum Spielerschutz im Internet) besondere Bedeutung.

Wie KI-Algorithmen die Regulierung verändern

Ein Punkt, der in der Evaluierung besondere Aufmerksamkeit verdient, ist der technologische Fortschritt seit 2021\. Der aktuelle Staatsvertrag ist in einer Zeit entstanden, in der viele Instrumente der verhaltensbasierten Analyse, des Monitorings und der algorithmischen Risikobewertung noch deutlich weniger entwickelt waren als heute.

Inzwischen haben sich die Möglichkeiten erheblich erweitert. Big-Data-gestützte Frühwarnsysteme, algorithmische Risikoerkennung und KI-basierte Musteranalysen können problematisches Spielverhalten deutlich präziser identifizieren als starre Pauschalgrenzen. Diese Entwicklung eröffnet die Chance, Spielerschutz zielgenauer und individueller auszugestalten: weniger Gießkanne, mehr Präzision.

Auch Hendrik Streeck, der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, stellte in seinem Video-Statement beim Glücksspiel-Symposium an der Universität Hohenheim im März 2026 die Frage: „Halten die heutigen Regeln im digitalen Raum noch Schritt?“

Die Deutsche Stiftung Glücksspielforschung verantwortet gemeinsam mit dem deutschen Unternehmen IFT Mental Health Solutions und dem Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) die Datenerhebung. Sie verfolgt den Ansatz, reale Spieldaten mit direkten Kundenbefragungen zu kombinieren und damit eine Datengrundlage zu schaffen, die näher an der tatsächlichen Nutzung liegt als klassische Befragungsstudien. Gerade dieser Brückenschlag zwischen Verhalten und Wahrnehmung kann für die Evaluierung besonders wertvoll sein, weil er nicht nur aufklärt, was Spieler sagen, sondern auch, wie sie sich tatsächlich verhalten. Die EMAS-Studie hat sich zum Ziel gesetzt, den größten Datensatz einer Echtspielerbefragung jemals weltweit zu generieren. Zahlreiche Glücksspielanbieter mit Erlaubnis haben angekündigt, ihre Daten der Forschung bereitzustellen.

## Daten, Daten, Daten – endlich nutzen

Einer der zentralen Punkte der kommenden Monate wird die Frage sein, welche Daten überhaupt herangezogen werden. Die Antwort kann eigentlich nur lauten: Alle, soweit sie belastbar, verfügbar und relevant sind.

Dazu gehören selbstverständlich Studienergebnisse, aber ebenso die Daten, die bereits im System selbst entstehen – insbesondere im LUGAS-Safe-Server. Dort liegen Milliarden Datenpunkte zu Einzahlungen, Limits, Einsätzen, Wettabgaben und Nutzungsmustern vor. Wir können also Regulierung nicht nur auf Basis von Annahmen oder Umfragen diskutieren, sondern auf Grundlage tatsächlicher Marktbewegungen.

Für eine evidenzbasierte Regulierung muss die vorhandene Datentiefe systematisch ausgewertet werden. Täglich fallen Daten-Inputs in Terabyte-Größen an, führen aber nicht zu nutzbaren Ergebnissen. So entsteht der Eindruck eines Systems, das bürokratischen Aufwand erzeugt, aber keinen Mehrwert. Gerade deshalb sollte zumindest der überwiegende Teil jener Safe-Server-Daten, die unstreitig ordnungsgemäß übermittelt und validiert vorliegen, zeitnah für die politische und regulatorische Entscheidungsfindung nutzbar gemacht werden.

Hinzu kommt eine rechtliche Dimension: Eingriffe in die Dienstleistungsfreiheit bedürfen einer nachvollziehbaren Rechtfertigung durch den Staat. Dafür braucht es belastbare Tatsachengrundlagen, die Geeignetheit, Erforderlichkeit und Verhältnismäßigkeit regulatorischer Maßnahmen belegen. Genau diese Nachweise könnten in den vorhandenen Daten liegen. Werden sie nicht genutzt, fehlt nicht nur wertvoller Erkenntnisgewinn – auch die Überzeugungskraft und rechtliche Stabilität bestehender Regelungen geraten unter Druck.

## Wer evaluiert, muss auch bereit sein zu korrigieren

Die Evaluierung ist nur dann glaubwürdig, wenn sie nicht auf Bestätigung angelegt ist. Sie darf nicht den unausgesprochenen Auftrag haben, bestehende Regelungen im Nachhinein zu legitimieren. Sie muss offen sein für das Ergebnis, dass einzelne Instrumente angepasst, reduziert oder gestrichen werden müssen.

Das gilt in beide Richtungen. Wo Maßnahmen wirksam sind, sollten sie gestärkt werden. Wo sich Fehlsteuerungen zeigen, müssen Korrekturen möglich sein. Und wo neue Evidenz vorliegt, muss sie die bisherigen Annahmen auch tatsächlich verändern dürfen.

## Weichenstellung: Deutschland als Vorzeigemodell

Mit der Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags im Jahr 2026 steht Deutschland vor einer grundsätzlichen Weichenstellung. Der Evaluierungsprozess ist die Chance, die Debatte aus ideologischen Reflexen zu lösen und wieder stärker auf Wirkung, Daten und Verhältnismäßigkeit auszurichten.

Die rasante Entwicklung des Glücksspiel-Schwarzmarktes verdeutlicht, dass das Kanalisierungsziel des Glücksspielstaatsvertrages jedenfalls nur unzureichend erreicht wurde. Spielerschutz und attraktives Produktangebot dürfen nicht länger als Gegensätze gedacht werden – sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Denn nur, wer ein attraktives und nutzerfreundliches legales Angebot schafft, kann Spieler im regulierten Markt halten und so echten Schutz bieten.

Die Regulierung steht damit nicht nur vor einer juristischen Evaluierung, sondern vor einer strukturellen Modernisierungsfrage. Die Jahre 2026 bis 2028 bieten die Chance, Deutschland zu einem Vorzeigemodell moderner Glücksspielregulierung weiterzuentwickeln: hin zu einem legalen Markt, der nicht nur sicher, sondern auch attraktiv ist und Spieler so wirksam vom wachsenden Schwarzmarkt zurückholt. Denn die Spieler wissen genau, was sie möchten – und sollten es im legalen Markt finden können.

## Die Studien der GGL im Überblick.

Dies sind die drei Untersuchungen, die von der GGL für die Evaluierung beauftragt wurden.

**Schwarzmarkt und Kanalisierung:** „Untersuchung des Schwarzmarktes und der Kanalisierung von Glücksspielen im Internet anhand einer Befragung von Glücksspielenden“, durchgeführt vom Blockchain Research Lab gGmbH: 22,97 Prozent des Online-Glücksspielumsatzes entfallen auf unerlaubte Angebote. 33 Prozent der Spieler nutzen (auch) illegale Angebote, wo sie ohne staatliche Schutzmaßnahmen agieren. Damit zeigt die Studie zweierlei zugleich: Der legale Markt ist heute tragfähig – zugleich bleibt der Schwarzmarkt ein erhebliches Problem für Spielerschutz, Integrität und Steuereinnahmen.

**Spielerschutz im Internet:** Seit Juli 2023 läuft die Untersuchung „Spielerschutz im Internet: Evaluation der Maßnahmen des Glücksspielstaatsvertrages 2021“ unter Federführung der Universität Bremen: Wie wirksam sind die umfangreichen Schutzmaßnahmen des GlüStV in der Praxis tatsächlich? Untersucht werden Auswirkungen auf Spielverhalten, Praktikabilität der Vorgaben und möglicher Anpassungsbedarf. Hinweise zur konkreten Ausgestaltung der Teilnehmerauswahl sowie zur Formulierung einzelner missverständlicher Fragestellungen der Befragung wurden nicht aufgegriffen, somit bleiben die geäußerten erheblichen wissenschaftlichen Zweifel bestehen. Veröffentlichungstermin bislang nicht genannt.

**Werbung zwischen Lenkung und Prävention:** Das Forschungsprojekt „Glücksspielwerbung im Fernsehen und im Internet im Spannungsfeld von Kanalisierung und Suchtprävention“ wurde Ende 2023 an die Berliner eye square GmbH vergeben. Kernfrage: Können interessierte Spieler wirksam zu legalen Angeboten gelenkt werden, ohne zugleich problematische Anreize zu setzen? Die Ergebnisse dürften maßgeblich beeinflussen, ob das Werberecht künftig verschärft, beibehalten oder neu austariert wird. Eine Veröffentlichung wird zeitnah erwartet.