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# Gastbeitrag: Warum der Glücksspielstaatsvertrag einen ordnungspolitischen Neustart braucht
- URL: https://spielfeld.geodemo.de/gastbeitrag-ordnungspolitischer-neustart-gluecksspielstaatsvertrag/
- Published: 2026-08-09T09:00:00.000Z
- Updated: 2026-09-10T11:15:43.000Z
- Description: Roland Koch: Die Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags ist mehr als eine juristische Prüfung – sie ist ein ordnungspolitischer Test für Freiheit und Regulierung.
- Author: Frederic Lahme
- Tags: Ausgabe 1, Regulierung, Gastbeitrag, Evaluierung, Glücksspielstaatsvertrag, #Import 2026-09-11 10:27

**Deutschland diskutiert so intensiv wie lange nicht mehr über Regulierung, staatliche Eingriffe und die richtige Balance zwischen Freiheit und Verantwortung. Diese Debatte betrifft längst nicht nur die üblichen Wirtschaftsbranchen. Sie stellt sich ebenso im Glücksspielmarkt – und gerade hier entscheidet sich, ob wir ordnungspolitischen Grundsätzen noch folgen.**

Zur Person

Prof. Dr. h.c. mult. Roland Koch ist Ministerpräsident a. D. des Bundeslandes Hessen und außerdem Präsidiumsmitglied im Wirtschaftsrat der CDU sowie Vorsitzender der Ludwig Erhard Stiftung e.V.

Mit der anstehenden Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags 2021 bietet sich die Chance, die Regulierung des Glücksspielmarktes grundlegend zu überprüfen. Es geht dabei nicht um einzelne Detailregelungen, sondern um die ordnungspolitische Grundsatzfrage, wie wir Freiheit und Verantwortung ausbalancieren.

Genau dieses Verhältnis hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten verschoben. Statt zu fragen, welche Regulierung tatsächlich notwendig ist, entsteht zunehmend der Eindruck, wirtschaftliche Freiheit müsse erst gerechtfertigt werden. Dieser Perspektivwechsel bleibt nicht ohne Folgen. Wettbewerb, Innovation und unternehmerische Kreativität entstehen dort, wo Gestaltungsspielräume bestehen – nicht dort, wo jede Entwicklung zunächst regulatorisch eingehegt wird.

Kaum ein anderer Bereich verdeutlicht dieses Spannungsfeld so deutlich wie der Glücksspielmarkt. Einerseits steht der Schutz der Spielerinnen und Spieler vor Sucht und Missbrauch im Mittelpunkt staatlicher Verantwortung. Andererseits existiert ein erheblicher legaler Markt, dessen Erträge auch öffentliche Aufgaben finanzieren. Gleichzeitig findet Glücksspiel längst in einem digitalen und internationalen Wettbewerbsumfeld statt, das sich national nur begrenzt steuern lässt. Genau deshalb greift eine Politik zu kurz, die vor allem auf Verbote und immer neue Beschränkungen setzt. Die Nachfrage verschwindet dadurch nicht. Sie verlagert sich häufig zu Anbietern außerhalb des regulierten Marktes. Damit verliert der Staat aber dort gerade den entscheidenden Einfluss, um Spielerschutz, Prävention und Kontrolle tatsächlich zu gewährleisten.

Genau hierin liegt die Chance der Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags. Sie sollte nicht als routinemäßige Bestandsaufnahme verstanden werden, sondern als Gelegenheit, ordnungspolitische Korrekturen vorzunehmen. Entscheidend ist nicht, wie viel Regulierung politisch durchsetzbar ist, sondern wo diese tatsächlich zum Ziel führt.

Soziale Marktwirtschaft bedeutet weder Regellosigkeit noch Staatsferne. Gefragt ist vielmehr eine konzeptionelle Richtungsentscheidung. Der Staat muss als starker Schiedsrichter Regeln setzen, statt Märkte dauerhaft zu steuern. Seine Aufgabe ist es nicht, als Mitspieler aufzutreten, sondern Wettbewerb zu ermöglichen, Risiken wirksam zu begrenzen und dort einzugreifen, wo Gefahren tatsächlich entstehen.

Gerade im Glücksspielmarkt wird diese Logik häufig umgekehrt. Die Debatte beginnt zu oft mit der Frage, welche Freiheiten gewährt werden können. Ordnungspolitisch müsste sie anders beginnen: Welche Eingriffe sind angesichts legitimer Schutzziele wirklich erforderlich? Denn Freiheit bedarf keiner Rechtfertigung – Einschränkungen schon.

Die Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags bietet die Chance für diesen Perspektivwechsel. Ein moderner Regulierungsrahmen muss den Spielerschutz wirksam stärken, faire Wettbewerbsbedingungen für legale Anbieter schaffen und illegale Angebote wirksam zurückdrängen. Dafür braucht es keine immer dichtere Regulierung, sondern bessere Ordnungspolitik.

Denn der Maßstab sollte auch künftig derselbe bleiben, den Ludwig Erhard der sozialen Marktwirtschaft gegeben hat: So viel Freiheit wie möglich, so viel Regulierung wie nötig. Die Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags ist deshalb mehr als eine juristische Überprüfung einzelner Vorschriften. Sie ist ein ordnungspolitischer Test. Entscheidend ist nicht, ob der Staat möglichst viel reguliert, sondern ob er das Richtige reguliert. Der Glücksspielmarkt braucht keinen neuen Regulierungsreflex, sondern einen ordnungspolitischen Neustart.

Mehr dazu

Die Keynote von Roland Koch gibt es im Video. Am 25\. Juni hat die Bundesarbeitsgruppe „Mehr Privat für einen starken Staat“ des Wirtschaftsrats der CDU getagt: Nach der Keynote debattierten Vertreter aus Politik, Glücksspielaufsicht, Wissenschaft und Industrie über Schwarzmarktbekämpfung, Glücksspielbesteuerung und Bürokratieabbau. Dabei wurde das Grundlagenpapier „Glücksspielregulierung als ordnungspolitische Aufgabe – Eckpunkte zur Fortentwicklung des Glücksspielstaatsvertrages 2021“ verabschiedet.

Video und Grundlagenpapier sind auf der Webseite des Wirtschaftsrats abrufbar: [wirtschaftsrat.de](https://www.wirtschaftsrat.de/?ref=spielfeld.geodemo.de)